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Die Informationsbombe [TRANSLATORS NEEDED->geert {AT} xs4all.nl] *please forw
Geert Lovink (by way of Pit Schultz <pit {AT} is.in-berlin.de>) on Sat, 6 Jan 96 08:23 MET


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Die Informationsbombe [TRANSLATORS NEEDED->geert {AT} xs4all.nl] *please forward*


Die Informationsbombe
Paul Virilio und Friedrich Kittler im Gespraech
Ausgestrahlt im Deutsch-Franzoesischen Kulturkanal ARTE November 1995

In den fuenfziger Jahren hat Albert Einstein gesagt, dass wir es mit drei
Bomben zu tun haetten. Die erste, die Atombombe, sei bereits gezuendet. Die
zweite sei die Informatikbombe; die dritte, die Bevoelkerungsbombe, werde
im 21. Jahrhundert explodieren. Gegenwaertig explodiert die
Informatikbombe. Neue Technologien, insbesondere die Moeglichenkeiten zur
Schaffung virtueller Welten, veraendern Kultur, Politik und Gesellschaft
grundlegend. Zu diesem Thema diskutieren heute abend im Gespraech der
Stadtplaner und Philosoph Paul Virilio und Friedrich Kittler,
Medienspezialist an der Humboldt Universitaet in Berlin.

PV: Wir erleben heute nicht nur einen riesigen Werberummel um
Datenautobahnen, Internet und das, was man Cyberspace nennt, sondern durch
das Teleshopping und Teleworking nicht im Buero sein, sondern Zuhause am
Computer, eine Art von Virtualisierung der Alltagswelt. Im Fernsehen gibt
es virtuelle Geschaefte, auf dem Computerbildschirm virtuelle
Informationsshops. Nun, ich spreche von Geschaeften, aber man koennte sich
ebenso die Frage stellen, entsteht nicht bereits eine Art von virtueller
Stadt, eine Stadt der Staedte? Ein wirkliches Zentrum der Welt, das
Hyperzentrum der Welt, nicht mehr die Hauptstadt eines Landes, sondern die
Kapitale aller Kapitalen der Welt, New York, Singapur, London, die grossen
Boersenplaetze, die grossen Staedte, alle zusammen.
Verbirgt sich nicht hinter dieser zunehmenden Virtualisierung ein Verlust
der zwischenmenschen Beziehungen, ein Verlust der unmittelbaren
Information? Das heisst, des Gedankenaustausches, so wie wir ihn gerade
hier vollziehen? Ich glaube, darueber sollten wir nachdenken, nicht nur die
Urbanisten, die Wohnungs- und Staedtebauer, sondern auch die, die am Ort
des Geschehens verantwortlich sind. Ich nenne ein Beispiel: was ist denn
ein Supermarkt, ein Einkaufszentrum heute? Nichts anderes als ein
Stadtzentrum ohne Stadt, ein Anfangsstadium der Virtualisierung, noch nicht
Teleshopping, aber bereits auf der gruenen Wiese oder am Stadtrand ein
Stadtzentrum ohne Stadt. Das ist Virtualisierung im Fruehstadium, das
zweite Stadium ist dann tatsaechlich Teleshopping zuhause. Gehen Sie nicht
mehr aus dem Haus, arbeiten Sie daheim, kaufen Sie daheim, vergnuegen Sie
sich daheim usw. usf. Was halten Sie von dieser Entwicklung? Mich selbst
beunruhigt sie, mich als Urbanisten.

FK: Es sieht alles aus wie der Erfolg einer wunderbaren und sehr
versteckten Strategie, die nun endlich aufgeht, nachdem sie 15 Jahre lang
vorbereitet worden ist. 1982 sind die ersten personal computers, wie sie so
schoen heissen, verteilt worden. Einsame, lonely cowboys die einfach auf
dem Schreibtisch standen und nichts anderes konnten als Texte schreiben,
ich untertreibe jetzt. Und irgendwann sind die Dingen in den letzten 15
Jahren immer besser geworden und jetzt koennen sie alle anderen Medien
fressen, das Telephon, den Telegraph und das Faxgeraet und bald auch das
Bild und den Ton und die CD. Und man kann sie alle mit wunderschoenen
Netzen verdrahten, weltweit. Aus dieser ganz kleinen Investition, die auf
jeden dritten Schreibtisch in den zivilisierten Laendern steht, entwickelt
sich holterdiepolter ein weltweites Netz, das wirklich wie eine grosse
Spinne ist und die anderen Medien das Fuerchten lehrt.
Die einzige Ausnahme, die ich machen wuerde: noch sind was die
Virtualisierung angeht die beiden Bildschirme, in meiner Wohung zumindest,
getrennt. Im Wohnzimmer steht der Fernsehapparat und im Arbeitszimmer steht
der zweite Monitor der am Computer haengt. Und ich glaube, erst an dem Tag,
an dem der Fernseher endlich weg ist, was ich auch sehr hoffe, und alles
ueber den Computer laeuft, kann man von dieser wirklichen Virtualisierung
reden. Im Moment sind wir noch im Zwischenstadium, auf der einen Seite gibt
es das Programmedium Fernsehen, das uns besendet, und auf der andere Seite
gibt es das Programmiermedium, das alle moeglichen Ghettoisierungen
moeglich macht, und die beiden sind noch in einer sehr gespannten Beziehung
zueinander. Was die Menschen zwischen Wohn- und Arbeitszimmer und den
beiden Bildschirmen angeht, weiss ich nicht. Ich kann nur sagen, der
Computer ist nicht erfunden worden um den Menschen zu helfen.

PV: Da heisst es, es wird virtuelle Gesellschaften geben, ja sogar eine
virtuelle Demokratie. Was ist denn das? Woher stammt diese Idee? Woher
kommt der Erfolg einer solchen Idee, die Gemeinschaft ihre Realitaet zu
berauben, zugunsten einer allumfassenden Virtualisierung, einschliesslich
der Politik. Wenn man uns erzaehlt, 'die Demokratie wird virtuell', dann
heisst das doch, Wahlen werden durch Meinungsumfragen ersetzt. Wenn man uns
sagt, 'die Gesellschaft wird virtuell', dann heisst das doch, keiner muss
sich mehr um seinen Naechsten kuemmern, weil dessen Anwesenheit in gewisser
Weise ja ueberfluessig wird. Ich frage mich nun, was ist eine virtuelle
Gesellschaft? Sie entsteht, aber was ist das Ihrer Meinung nach?

FK: Entweder sie ist ein dummes Schlagwort, was ueberhaupt nichts besagt,
oder sie ist insofern virtuell, als sie als Gesellschaftsmitglieder oder
Staatsmitglieder eben nicht bloss mehr Menschen, natuerlichen Personen und
Rechtspersonen fuehrt, wie Institutionen, sondern grosse Netzserver und
Programmstrukturen, also eine Welt, in der die Menschen nicht mehr allein
kulturelle Wesen sind. Und daran wird man sich die naechsten drei
Jahrhunderte gewoehnen muessen, dass es Roboter gibt, dass es Programme
gibt, die teilweise besser sind. Wir alle wissen, dass die Tage des
Schachweltmeisters gezaehlt sind, dass irgendwann ein Schachprogramm der
Schachweltmeister sein wird. Dieses Programm muss man als Teil der
virtuellen Welt anerkennen und die virtuelle Gesellschaft ohne diese
virtuelle Welt gibt es nicht.

PV: Stehen wir nicht schon am Beginn einer dritten Revolution, nach der des
Verkehrs und der der Datenuebertragung, die wir gerade erleben, naemlich
der der Transplantation. Ich meine damit die des transplantierten
Menschens, der voll ausgestattet ist, nicht nur mit einem Mobiltelephon und
einen notebook computer, sondern zusaetzlich mit Teletechnologien, wie
einem Herzschrittmacher oder zusetzlicher Gehirnspeicherleistung,
Leistungsstimulatoren voellig anderer Art. Ist so etwas vorstellbar und in
welchem Umfang? Ich glaube, diese Frage wird nicht gestellt.

FK: Die Frage wird schon gestellt, aber aus einer etwas anderen Ecke,
glaube ich. Die computer community, wie das so schoen heisst auf Englisch,
als solche hat kein grosses Interesse, sich direkt an die Herzen oder die
Gehirne oder die Ohren oder die Augen von Menschen anzuschliessen, weil das
eine anorganische Technologie ist, wohingegen die Gentechnologie, die nach
dem Modell der Computertechnologie sich jetzt formt und ausbildet, ein sehr
grosses Interesse daran haben duerfte, Schnittstellen zwischen den
anorganischen Maschinen von heute und dem alten organischen Fleisch des
gefallenen und zuendigen Menschen zu bilden. Welche der beiden Tendenzen
sich durchsetzt ist eine ganz offene Frage.
Ich wuerde so wetten, dass die Computertechnologie in ihrem militaerischen
Ursprung und strategischen Abzweckungen, die sie noch heute hat, eigentlich
die Bevoelkerung in Ruhe lassen wuerde, wenn sie sich allein als
Siliciumtechnologie weiterentwickelt. Und dass die Neurotechnologien und
Gentechnologien ein Interesse daran haben, die Bevoelkerungen zu fressen.
Es gibt fuer mich zwei moeglichen Zukunftsszenarien, eines das die Menschen
ausspuckt, das waere die Computertechnologie, und das andere, das die
Menschen frisst, das waere die Gentechnologie. Und ersteres ist mir lieber,
weil es dann einfach Goetter gibt auf der einen Seite, oder Daemonen, und
auf der anderen Seite Menschen, die es immer schon gab. Und dass es Goetter
und Menschen gibt, das ist nun heutzutage vergessen worden.

PV: Ich glaube das wir eine Grenze erreicht haben und die Weltzeit in der
Tat das Ende der Zeit ist, um nicht zu sagen das Ende aller Zeiten, das
Wort 'Apokalypse' will ich nicht benutzen. Wir haben in jeder Hinsicht die
Grenzgeschwindigkeit der elektromagnetischen Wellen erreicht. Damit haben
wir nicht nur die befreiende Geschwindigkeit erreicht, die uns erlaubt,
einen Satelliten oder Menschen in eine Umlaufbahn zu schiessen, sondern
auch die Mauer der Beschleunigung. Das heisst die Weltgeschichte, die sich
ja staendig beschleunigt hat, von der Aera der Kavallerie ueber die Aera
der Eisenbahn, des Telephons, die Aera Marconis, bis zur Aera des Radios
und des Fernsehens, stoesst jetzt an die Mauer, an die Grenze der
Beschleunigung. Die von Ihnen gestellte Frage ist in der Tat, was geschieht
in einer Gesellschaft die an die Grenze der Beschleunigung stoessst,
waehrend doch alle Gesellschaften der Vergangenheit im Bezug auf den
Fortschritt, von der Art und Weise ihrer Beschleunigung bestimmt waren?
Beschleunigung nicht nur bezogen auf Speicher- und Rechnerleistungen,
sondern auf das Handeln.
Wir wissen doch, dass man heute eigentlich nicht mehr nur von 'Tele-vision'
sprechen kann, sondern von 'Tele-aktion' sprechen muss. Interaktiv bedeutet
hier sein, aber gleichzeitig anderswo handeln. Ich meinerseits habe
Zweifel, ob diese Frage heute so gestellt wird. Sind wir uns dessen
bewusst, dass damit ein globaler, historischer Unfall ausgeloescht worden
ist. Jedesmal wenn eine neue Geschwindigkeit entdeckt wurde, entstand auch
ein neuer spezifischer, lokaler Unfalltypus. Ich sage immer, man hat die
Eisenbahn erfunden und damit auch das Entgleisen. Schiffe, die Titanic,
sinken an einen bestimmten Ort, an einen bestimmten Tag. Wir aber schafften
mit dieser Einheitszeit, dieser Echtzeit, Weltzeit, den Unfall der
Unfaelle, um mit Epikur zu sprechen. Das heisst, die historische Zeit
selbst erleidet den Unfall durch das Erreichen dieser Grenze der
Lichtgeschwindigkeit, koennte man sagen.
Mein Eindruck ist, dass das, was man uns als Fortschritt der Kommunikation
praesentiert, in Wirklichkeit nicht nur ein Rueckschritt, sondern ein
unglaublicher Archaismus ist. Die Welt auf eine einzige Zeit zu reduzieren,
auf einen Zustand, in dem sie keine Beschleunigungssysteme mehr entwickeln
kann, ist ein Unfall ohnegleichen, ein historischer Unfall wie es ihn nie
gegeben hat. Wie es Einstein hoechst treffend nannte, 'eine zweite Bombe'.
Die erste Bombe war die Atombombe, die zweite ist die Informationsbombe,
naehmlich die Bombe welche uns die absolute Zeit, die Grenzzeit, um nicht
zu sagen die Nullzeit, d.h. die Echtzeit bringt. Ich glaube, das was Sie
ueber die Rechenleistung sagen gilt auch fuer die Faehigkeit, die Welt zu
sehen, die Faehigkeit sie zu gestalten, sie zu lenken, aber auch sie zu
bewohnen.

FK: Wahrscheinlich gehen dann auch die beiden von Einstein bezeichneten
Gefahren historisch und systematisch zusammen. Es ist eine der
grassierenden Ideologien von heute, zu behaupten, die Kommunikation wuerde
durch die neuesten Hochtechnologien befoerdert. Wir wollten immer schon
miteinander reden und nun kommt es besonders schnell, effizient und global
ueber die Netze. In Wahrheit sind die Atombombe und die Computer beide
Produkte des zweiten Weltkrieges. Kein Mensch hat sie bestellt, sondern die
militaerische und strategische Situation des zweiten Weltkrieges hat sie
notwendig gemacht. Also, es waren von vornherein keine
Kommunikationsmittel, sondern es waren Mitteln des totalen Krieges und des
strategisch geplanten Krieges. Was jetzt als spin-off in die Bevoelkerung
hineingestreut wird, wobei ich nicht sagen wuerde, es wurde weltweit
gestreut, sondern die Dominanzen des Netzes sind natuerlich klar Amerika,
Kalifornien und Europa und Japan. Was ich nicht glaube, ist dass es schon
die letzte Grenze erreicht hat, die Beschleunigung. Dass die Katastrophe
sozusagen in der Unueberbietbarkeit der aktuell herrschenden Uebertragungs-
und Berechnungsgeschwindigkeiten steckt, sondern es ist immer noch
strategischer und oekonomischer Gewinn daraus zu ziehen, dass man ein
System hat, das schneller ist als das andere System. Es ist immer noch
moeglich zu unterscheiden zwischen geheimen Maschinen und oeffentlich
verkauften Maschinen, die sich durch ihre Geschwindigkeit unterscheiden,
durch ihre Leistungsfaehigkeit. Und es ist immer noch nicht ausgemacht, wie
die Sachen weitergehen, weil die Lichtgeschwindigkeit zwar eine absolute
Grenze, im Vakuum wohlgemerkt, ist, aber in den real existierenden
Technologien laeuft die Elektrizitaet substantiell langsamer als im Vakuum
und es werden furchtbaren Kaempfe noch laufen in Richting Beschleunigung,
optischer Schaltkreis anstelle von Silicium, das werden Faktoren von
einigen Millionen Beschleunigung sein, sodass ich also Schwierigkeiten
habe, die Apokalypse bereits eingetreten zu sehen. Nur die Zeit der
Menschen ist, glaube ich, ein fuer allemal unterlaufen. Die Frage, die fuer
mich brennend ist, ist wie Kultur und Politik darauf reagieren, auf die
langsame Depositierung ihrer eigene Maechte. Sie haben sich so auf die
Alltagssprache und deren Langsamkeit, so auf die Nerven und deren
Langsamkeit verlassen, und sind jetzt selber nicht mehr fuehrbar ohne
Maschinerien, die Entscheidungen vorbereiten und am Ende sogar noch
treffen. Also wie man als Philosoph und als Politiker reagiert.

PV: Sie haben voellig zurecht vorhin den zweiten Weltkrieg erwaehnt, aus
dem diese Technologien hervorgegangen sind. In der Tat muss man sagen, dass
mit der Innovation Atombombe etwas ganz anderes erfunden wurde, das im
uebrigen heute eine Krise erlebt, ich meine die nukleare Abschreckung. Muss
man nun nicht in Zusammenhang mit dieser zweiten Bombe, der
Informationsbombe, Wege der Interaktivitaet, und ich gebe zu bedenken, dass
die Interaktivitaet in gewisser Weise eine Form von Radioaktivitaet ist.
Das ist nicht nur eine Metapher, sondern ein konkretes Bild. Muss man also
nicht bereits fuer das naechste Jahrhundert mit einer anderen Form der
Abschreckung rechnen? Ich meine nicht die militaerische Abschreckung, zur
Verhinderung des Einsatzes der Atombombe, sondern eine gesellschaftliche
Abschreckung zur Verhinderung der Schaeden durch den Fortschritt der
Interaktivitaet. Denn eine globale Gesellschaft, die in der Echtzeit lebt,
vom unmittelbaren Datenaustausch, ist undenkbar. Oder halten Sie sie fuer
denkbar?
Wenn ich Freunde hoere, deren Namen ich hier nicht nennen moechte, die von
einem riesigen Weltgehirn sprechen, in dem jeder einzelne Mensch nur noch
ein Neuron ist, das auf anderen Neuronen reagiert. Der Mensch also nicht
mehr ein irdisches, sondern ein neuronales Wesen ist, muss ich genau daran
denken. Sind wir nicht schon dabei, was unsere Arbeitswelt angeht, unseren
Wohnungsbau, eine gesellschaftliche Abschreckung zu erfinden und
vorzubereiten. Das heisst eine Abschreckung, um die negativen Folgen dieser
Augenblicklichkeit des Handelns und der Information fuer die Aermsten und
Schwaechsten zu verhindern? Ist Ihrer Meinung nach eine Abschreckung der
augenblicklichen und globalen Information vorstellbar? Es geht fuer mich
dabei um das Risiko einer Tschernobylkatastrophe mit schaedlichen Folgen
fuer die Lebensweisen der Menschen, fuer das Sozialverhalten. Gibt es nicht
schon heute Hinweise auf eine solche soziale Desintegration, ein
Auseinderfallen der Gesellschaft, von Paaren usw. Ist nicht die
strukturbedingte Massenarbeitslosigkeit bereits ein Effekt, ein
Niederschlag, fall-out dieser Informationsbombe? Und wir stehen erst am
Anfang. Was halten Sie von dieser sozialen Dimension der Information,
Delokalisation, Automatisierung der Moeglichkeit, augenblicklich von einem
Ort auf einen anderen in der Welt einwirken zu koennen? Hat dies nicht eine
Dimension, die Sie problematisch finden? Ist nicht bereits die
Massenarbeitslosigkeit, die ja nicht mehr konjunkturbedingt sondern
strukturell ist, bereits eine Folge dieses Unfalls, von dem ich soeben
sprach, dem Unfall der Zeitlichkeit? Stehen wir damit nicht bereits vor
einem Problem?

FK: Sicher, die Massenarbeitslosigkeit von heute ist bestimmt von der
Automatisierung der Produktion bestimmt. Ich habe nur das dumpfe Gefuehl,
dass die Soziologien und Politiken selber etwas daran schuld sind, dass da
soviel Arbeitslosigkeit auftritt. Die Technologie selber ist die einzige
Technologie, die ich kenne, die wirklich radikal umprogrammierbar ist, also
wo staendig neue Sachen gemacht werden koennten, im Unterschied zur
Fabrikationsstrasse, die damals Henry Ford in Detroit errichtete, wo ein
einziges Automodell zehn Jahre lang drueber gelaufen ist. Man koennte also
mit dieser Basistechnologie, die wirklich zur Innovation erfunden worden
ist, alles andere innovieren. Aber es wird ja auch systematisch im Konzept
von Gesellschaft und im Konzept von Bildung daran festgehalten, dass den
Leuten der Zugang zu dieser Technologie versperrt wird. Es gibt ein
grassierenden Computeranalfabetismus, computer illiteracy, die wird
hergestellt, die wird auch durch Propaganda, Werbung und falsche
Verkaufsstrategien hergestellt und hindert sehr viele Leute draufzusteigen.
Fuer die Hacker von heute habe ich, was Arbeitslosigkeit betrifft, keine
Angst. Das ist aber eine ziemliche Teilantwort auf die Frage. Was das
Tschernobyl der Information angeht, das hat sich ja vielleicht an diesem
Boersenkrach schon einmal provisorisch abgezeichnet, was das heisst, wenn
alle Boersengeschaefte ueber weltweite Netze gehandelt werden. Und dagegen
werden ja permanent Massnahmen ergriffen, also die gute alte Zeit, in der
jeder auf seinem Computer machen durfte, was er wollte, ist laengst vorbei.
Wir werden alle kontroliert auf unseren Maschinen und je vernetzter die
Maschinen werden, desto strenger werden die Kontrollen und die
Schutzmechanismen. Und die Buerokratien, die eingebaut sind. Das Netz wird
auch bestenfalls dieses Jahr noch frei sein, im naechsten Jahr gehoert es
wahrscheinlich dem grossen Geld, und dann funktionieren die Kontrollen. Das
waere die andere Gefahr, dass gerade zur Verhinderung eines informatischen
Tschernobyls die Kontrollmechanismen, die informatischen Buerokratien, im
Verbund mit sehr viel Kapital derart ausweiten, dass die versprochene
Liberalisierung der Information ueberhaupt nicht stattfindet. Also im
Gegenzug einer moeglichen Systemzusammenbruchgefahr eine neue Hierarchie
aufgebaut wird, die dann strukturell dieselbe Hierarchie ist wie die
zwischen Computerliteraten und Computerilleteraten. Auf der einen Seite
die, die Kode noch verstehen, so wie die Kryptographen und Kryptologen des
zweiten Weltkrieges, und auf der anderen Seite die Massen von Milliarden
von Menschen, die ausgeschlossen werden aus Sicherheitsgruenden.

PV: Immer wenn Technologien schneller gemacht wurden gab es Akkumulation
und Konzentration. Heute erleben wir, ob mit Time-Warner oder Turner, einen
Gigantismus der Konglomerate, der Monopole, im uebrigen noch beguenstigt
durch den Wegfall der Anti-Monopolgesetze, der diese zentrale Steuerung
ueberhaupt moeglich macht. Zur gleichen Zeit da man uns erzaehlt, Internet
bringt uns die Freiheit an Ort und Stelle, erleben wir wie sich ganz
zufaellig Trusts bilden, die Weltkonzerne, keinen blossen multinationalen
Unternehmen mehr sind. Ich frage mich nun, ob durch diese Illusion der
Freiheit durch Information nicht eine Einheitlichkeit der Welt larviert
wird die zulasten ihrer Vielfalt, ihres gedanklichen Erbes, ihrer Kultur
ganz einfach geht. Wir wissen wie das Medium, ganz gleich im welchen Fall,
die Verlagerung vom Geschriebenen zum Bildschirm verarmt. Wir wissen um die
Verarmung durch den Computer. Ob wir es wollen oder nicht, der Computer
synthetisiert Information. Jeder der einen Synthesizer in der Musik
verwendet, zum Beispiel fuer Geigenmusik, weiss genau, dass eine echte
Geige anders klingt als ein Synthesizer. Und der Computer ist nichts
anderes als ein Informationssynthesizer. Der Informationsgehalt wird
semantisch reduziert, die Kognitivisten wissen dies im uebrigen genau, und
auch dies ist ein Umstand, den man beruecksichtigen muesste. Die
Synthetisierung der Information, die Verarmung der Inhalte, wird aber nicht
beachtet.
Wie immer wird alles Negative verschwiegen, interessanterweise immer
larviert. Wie kann man vorgeben, Technologien zu entwickeln, ohne sich auch
gleichzeitig Wissen ueber damit verbundenen spezifische Unfallrisiken zu
erwerben? Und das gilt fuers Fernsehen, genauso wie fuer Multimedia.

FK: Man muss es wahrscheinlich so machen wie Bill Gates und die Sachen so
verkaufen als seien sie nicht die Sachen wie sie sind. Man verkauft
Computer und sagt, das sind Schreibtische, desktops, oder man sagt, es sind
Fernsehgeraete, oder die Fernsehgeraete der Zukunft. Auf diese Weise kann
man die Maschinerien, mit ihren systemspezifischen Schwaechen vernebeln und
gut verkaufen. Das ist eine sehr amerikanische Werbestrategie, und es
laesst daraus schliessen, dass die Trust- und Konzentrationsbewegung die
ergriffene und vielleicht auch letzte historische Chance der Amerikaner
sind, die Pax Americana auf technologischen Weg zu halten. Nachdem der
ganzen technologischen Vorsprung schon nach Japan abgewandert schien, hat
Amerika es geschafft in den neunziger Jahren, aufgrund seiner
elektronischen und computertechnischen Vorspruenge vor allem die Standards
zu definieren, unter denen wir heute auf den Netzen und Maschinen
kommunizieren. Und es ist wirklich nicht ausgemacht, dass die Standards, so
wie sie sind, die mathematisch oder menschlich besten sind. Das kann man
noch unterscheiden, aber es sind beides zwei wichtige Gesichtspunkte, die
in diese Standardisierung oder Vereinheitlichung, weltweite Globalisierung
nicht eingehen und es ist eigentlich raetselhaft, weshalb kein Mensch und
kein Kopf, keine Industrie in Europa irgendeinen Versuch macht, diese
Standards, so wie sie sind und wie sie ueber den grossen Teich kommen, als
neue Form der Pax Americana, in Frage zu stellen.

PV: Die neuesten Technologien lassen den Raum in seiner Ausdehnung und
Dauer verschwinden. Sie reduzieren die Welt auf ein Nichts, wie man sagt.
Das ist ein tiefgreifender Verlust, auch wenn man es nicht zugibt, und
niemals zugeben wird. Es gibt eine Verschmutzung, nicht nur der materiellen
Umwelt, der Fauna und Flora, die Umweltschuetzer wissen das, sondern auch
der Distanzen und der Zeitraeume, die mich im Hier und Jetzt leben lassen,
an einem Ort und in der Beziehung zu anderen Menschen, die durch
Begegnungen entsteht, nicht durch eine Tele-Praesenz, eine Tele-Konferenz
oder Tele-shopping. Was denken Sie ueber diesen Verlust? Setzen wir uns
nicht damit selbst und der Welt ein Ende? Wenn es einige akzeptieren
koennen, die Ausdehnung im Raum zu verlieren, wie wir die Zeitdauer, die
lange Dauer, verloren haben.