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Re: [rohrpost] Napster muss vom Netz
klinger on 27 Jul 2000 20:34:05 -0000


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Re: [rohrpost] Napster muss vom Netz


Hi Leute,

ich hörte vom Napster-Cancelling-Act in der Tagesschau und war
entsetzt -  und mir gleichzeitig bewußt, dass vermutlich nicht soooo
viele Tagesschau-Seher um die Dimensionen dieses Vorgangs wissen. Umso
bezeichnender, dass er dennoch gesendet wurde.

Neulich hatte ich das Tool erstmalig  ausprobiert (ich gehör ja als
Mid40 nicht zur Spassgeneration und hatte nur darüber gelesen!). Ich
wollte mir das mal ansehen und auch ein paar Stücke herunterladen, um
mal zu hören, was mensch heute so hört.

Da ich vor fast 20 Jahren aufgehört habe, aktiv die aktuelle Musik zu
verfolgen (last event: Neue Deutsche Welle), ist mir ein Neueinstieg
über das CD-kaufen nicht möglich. Ich müßte in hunderte, ja tausende
Stücke hineinhören, um in der heutigen Musikvielfalt wieder so etwas
wie "meine Musik" zu finden - bzw. neu zu konfigurieren. Wie sollte
ich das bezahlen? Und WARUM sollte ich auch für ein paar Stunden
Probehören Unsummen bezahlen?

Gerade heute hab' ich von einer Untersuchung gelesen, (die erste, die
nicht im Auftrag der Musikindustrie erschien), die ergab, dass Leute,
die illegale mp3-Stücke herunterladen, MEHR CDs kaufen als andere.
WEIL sie die Möglichkeit haben, andere Musikstile zu hören. Das
enspricht exakt meiner Erfahrung.

Jedenfalls hat es mich sehr getroffen, zu hören, dass ein
Gerichtsbeschluss Napster schlicht abschaffen will, ja, abgeschafft
hat. Gleich werde ich mal napster.com aufrufen und sehen, was
passiert.

. . .  * Unable to reconnect to server! (Thu Jul 27 20:42:07 2000)

Ok. Ist also wirklich aus. Umso tröstlicher, dass in einer anderen
Mail hier zu lesen war:

>...und das ist ebenso Publicity-trächtig wie wirkungslos. Mit den
>"OpenNAP"-Servern gibt es schon längst eine freie und zudem technisch
>bessere Alternative zu Napster Inc.. (Die OpenNAP-Server gleichen
ihre
>Indizes ab, die Napster Inc.-Server nicht, weshalb OpenNAP seit
kurzer Zeit
>mehr MP3s verzeichnet als letztere.) Und freie Napster-Clients gibt
es nicht
>nur für Linux und andere Unixe - Stichwort gnapster, knapster,
>gnome-napster... -, sondern mittlerweile auch für Windows.

>Sollte auch OpenNAP per Gerichtsbeschluß verboten werden, bleibt
Gnutella
>als System, das als echtes Peer-to-Peer-Netz ganz ohne zentrale
Server
>funktioniert, verschiedene Ports benutzen und daher nicht global
>abgeschaltet werden kann.

Gut. Aber Fakt ist, dass man per napster keinen Zugriff mehr bekommt -
wieviele von den Hunderttausenden, die da zusammengeschlossen waren,
wissen jetzt um die Alternativen? Und wie lange wird es dauern, bis
sie umgestiegen sind?

Wir wissen das nicht. Vielleicht waren viele solche wie ich darunter -
relativ ahnungslos, aber freundlich gesonnen.

Reinhold schreibt nun:

>Ich sehe im Napster-Konflikt ein enormes Politisierungspotenzial.

Ich auch, aber das ist mir nicht vordringlich, wenn damit mehr gemeint
sein sollte, als die blosse Abwehr dieses Angriffs auf die allgeine
Vernetzungsfreiheit.

Die Musikindustrie, die hier aktiv ist, ist dumm und
fortschrittsfeindlich. Sie kann nicht einmal erkennen, wo ihre eigenen
ökonomischen Interessen liegen, weil sie es versäumt hat, rechtzeitig
auf die Welt zu schauen, die sich um sie herum geändert hat.

Reinhold schreibt weiter:

>Eine das Muster der Etoy-Kampagne aufnehmende
>weltweite Kampagne...

Genau. Besser noch als bei Etoy gibt es gute Gründe für Sharholder,
den Druck des Netzes auf die etablierte Musikindustrie zu begrüßen,
der zu Innovation und Rationalisierung, zu technischer Entwicklung und
zu sozialer Kompetenz in einem internationalen und multikulturellen
Feld führen wird!

Man muss sich mal vor Augen führen, was da als "finaler Musikmarkt"
seit Jahren die Wiederholung des Immergleichen zelebriert: Unzählige
CDs mit immer denselben "Best OF", "Oldies but Goldies", "Golden
30,60,70...".

Dazu die Zumutung, in digitalen Zeiten noch vorgegebene
Titelsammlungen kaufen zu sollen - bloss, weil die CD der Nachfolger
der Vinyl-Platte ist, und es auf dieser nicht anders machbar war???
Wie lange wollte die Plattenindustrie uns den technischen Fortschritt
eigentlich noch vorenthalten????

Warum soll ich heute noch für Musikstücke bezahlen, die mir nicht
gefallen?

Zu Zeiten des Vinyls, ich erinnere mich gerade, war es übrigens
allgemein üblich, in jedem Plattenladen in angenehmer Atmosphäre in
die Platten hineinhören zu können, ohne Kaufzwang. Man musste zwar
dann die "ganze Packung" nehmen, auch wenn einem nur 3 Stücke
gefielen, aber immerhin konnte man die Platte vorher hören.

Die CDs dagegen sind eingeschweisst und ich kann sie nirgends hören.

Nun auf die heutigen Radiosender zu verweisen, ist ein Lacher! Wie
sollte ich in all diesen ganz ähnlich tönenenden
Info-Hit-und-Oldi-Sendern die paar wenigen Sendungen rausfinden, die
sich vielleicht mit einer bestimmten Musikrichtung intensiver
befassen? Wieviele Programmzeitungen müßte ich dazu durchforsten?
Wieviel Zeit opfern? Würde ich einen ausreichenden Überblick
bekommen??? Wahrscheinlich binnen einiger Jahre schon.

Der Weg zurück zur Musik, den ich sehr gern beschreiten will (das
kommt schon allein durch den Wunsch, auf meinen Webseiten mal was mit
Musik zu machen...), ist mir vom real existierenden Musikmarkt
praktisch Jahrzehntelnag verbaut woren. Napster hatte ihn wieder
geöffnet.

Und ein Gericht macht ihn wieder dicht! Sind die denn alle noch ganz
beisammen? (Wenn die Amerikaner so weitermachen, würde es mich nicht
wundern, wenn ihr schwächelnder Aktienmarkt nicht mehr recht
hochkäme.)


***

Gut - bisher habe ich nur auf der Ebene argumentiert, die den Vorwurf
annimmt, Napster sei ein Programm für Urheberrechtsverletzungen. Ich
finde es auch für weitere Kommunikation gut, immer zuerst darauf
einzugehen, man hat genug Argumente!

Wahr ist aber auch, dass es nicht angeht, einen Programmhersteller und
Serverbetreiber - also einem Infrastrukturdienstleister - den Umgang
mit Inhalten anzuhängen, die nicht von ihm, sondern den Usern zu
verantworten sind.

Jeder, der Napster installiert, akzeptiert die AGB, in der
aussdrücklich zur Wahrung der Copyrights / der Urheberechte aufgerufen
wird. Weiter vertreibt Napster selber neuerdings legale Mp3s neuer und
unbekannter Gruppen.... hat also eine legale eigene Anwendung, die
durch das AUS tangiert wird.

Es ist wieder die alte Sache: Auch der Provider darf nicht für den
Inhalt meiner Mail verantwortlich gemacht werden, nicht die Post für
meine Briefe, nicht die Telekom für meine Worte. Wo kämen wir da
hin??? Würde jemand Microsoft verklagen, wenn sich herausstellt, dass
98 % aller Erpresserbriefe und Morddrohungen auf Winword geschrieben
werden?


Reinhold schreibt weiter:

>Eine das Muster der Etoy-Kampagne aufnehmende
>weltweite Kampagne "Destroy RIAA" (Recording
>Industry Association of America) koennte

..könnte es nicht eine positivere Formulierung sein? ZERSTÖRUNG wirkt
irgendwie unsymphatisch. Mittlerweile ist der Kreis der Informierten
ja sehr gewachsen, weit über die ursprüngliche Szene der Aktiven
heinaus. Die sollte man snicht alle durch zu martialischen
Sprachgebrauch abturnen!

Schon auch vor dem Hintergrund, der jetzt folgt:

>"...könnte ein massives Ausscheren psychischer Systeme
>aus den dominierenden sozialen Codierungen (Massenlinie)
>in Gang setzen und damit auch der virtuellen Politik
>des Code einen neuen Aufschwung verschaffen.

Die soziale Codierung (Massenlinie) ist auf Gewalt eingestellt. Mit
"Zerstörung" dagegen zu halten, ist wenig hilfreich.

Niemand will doch etwas zerstören, sondern wir wollen:

* in Ruhe Musik probehören,

* datenbankartiger Zugriff auf ALLES (Napster ist garnicht so
erschöpfend, wie die Plattenindustrie behauptet...)

* Einzelstücke, für die wir uns entschieden haben, einzeln kaufen
und/oder für eine CD zusammenstellen und liefern lassen

* Alte Stücke entsprechend BILLIG kaufen können (Bei MP3.com haben
sich zwei Plattenfirmen auf 1,5 Cents oder pro Stück eingelassen,
darüber kann man doch reden...:-) Schliesslich haben wir die alle
schon ein paar mal bezahlt...

* Dateien jeder Art frei tauschen und teilen, ohne dass es
Dienstleistern verboten wird, dafür technische Infrastrukturen
anzubieten.

Eine Plattenindustrie soll gefälligst Dienste leisten, die mensch
braucht, dann findet sie auch "User", die gerne zahlen.

Reinhold schreibt weiter:

>Was Menschen betrifft, so wuensche ich mir, dass
>"psychischer Code" und "virtueller Code" in einen
>wechselseitigen Herausforderungs-, Steigerungs- und
>Verausgabungswettbewerb eintreten und damit einen
>gemeinsamen Evolutionspfad einschlagen. Das motiviert
>dazu, nach ko-evolutionaeren Kombinationen von
>"Massenlinie" und "Elitenlinie" zu suchen. Dass die
>Entwicklung echter Peer-to-Peer-Architekturen z. Zt. die
>aussichtsreichste Perspektive einer virtuellen Politik des
>Code ist (Elitenlinie), scheint mir unstrittig. Was kann das
>Gegenstueck auf der psychischen Seite sein?

Tja, sollte man wirklich aktiv werden, ohne DAS zu wissen?

Es müsste zumindest vermittelt werden,

* dass TEILEN in digitalen Zeiten nicht Verlust, sondern VERDOPPELUNG
des ZUHANDENEN bedeutet.

* dass es auch in einer Welt nicht-knapper-Güter bezahlte
Dienstleistungen braucht

* dass das Internet keine zentrale Veranstaltung einiger Gnädiger ist,
sondern endlich mal eine Infrastruktur, in der die Intelligenz
kollektiv werden kann - sei es auch 'nur' virtuell. Es ist Sache (und
Grundrecht!) des Individuums, sie anzuzapfen, sie weiter zu entwickeln
und in seinem/ihrem jeweiligen Rahmen Ergebnisse zu realisieren.

Soweit für jetzt. Sorry, dass es etwas lang wurde.

Besten Gruss

Claudia Klinger



http://www.claudia-klinger.de/





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