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[rohrpost] (de) »Sklaven mit Computerkenntnissen«- campbericht in telepo
florian schneider on 8 Aug 2000 16:01:09 -0000


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[rohrpost] (de) »Sklaven mit Computerkenntnissen«- campbericht in telepolis


»Sklaven mit Computerkenntnissen«

http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/8507/1.html

Es war sicherlich eine der skurrilsten Aufführungen, die das diesjährige
Sommertheater zu bieten hatte: Eine Gruppe altertümlicher Griechen zog
am vergangenen Samstag durch das kleine brandenburgische Städtchen
Forst. Gehüllt in weisse Tunikas schleppten sie einen Haufen gefesselter
Sklaven auf den fast menschenleeren Marktplatz. Das Eröffnungsgebot war
niedrig: "Wer bietet mehr als fünf Euro für einen wertvollen Sklaven mit
Computer-Kenntnissen?"  

Vielleicht kommt Brechts Begriff vom "epischen  Theater" dem
außergewöhnlichen Charakter der Darbietungen des antirassistischen
Grenzcamps am nächsten. Bereits zum dritten Mal trafen sich vergangene
Woche Aktivisten des Netzwerks "kein mensch ist illegal" im
deutsch-polnischen Grenzgebiet, um mit symbolischen Aktionen im
Hinterland des EU-Grenzregimes zu intervenieren. Und wie in den beiden
Jahren zuvor, genügte bereits die blosse Ankündigung, um den lokalen
Behördenvertretern Schaum vor den Mund zu treiben. 

The same procedure as every year: Bis zum Eröffnungstag verweigerte der
Bürgermeister der "Telecity Forst" ein öffentliches Grundstück mit dem
Hinweis auf die öffentliche Sicherheit und Ordnung, die ausgerechnet
durch antirassistische Aktionen in Gefahr sei. Private Grundbesitzer
wurden unter Druck gesetzt, ja keinen Zeltplatz zur Verfügung zu
stellen. Und so trat "Plan B" in Kraft, wie Camp-Sprecherin Uschi Volz,
mittlerweilen recht routiniert in solchen Auseinandersetzungen,
bekanntgab. Unterstützt von starken Polizeikräften mussten die Camper
ein geeignetes Grundstück kurzerhand besetzen. Wie im ostsächsischen
Görlitz und letztes Jahr in Zittau trat eine eigenartige Koalition von
Autonomen, Antirassisten und innenministeriellem Krisenstab auf den
Plan, um den zähneknirschenden Lokalpolitikern eine Nachhilfestunde in
Meinungs- und Versammlungsfreiheit zu geben. "Tolerantes Brandenburg"
heisst das Programm der Landesregierung, das den mordenden
Neonazi-Banden Einhalt gebieten soll. Die semantische Raffinesse der
Good-Will-Aktion musste aber erstmal vor Ort konkretisiert werden: Also
nicht Neonazis gewähren lassen, sondern diejenigen, die gegen Rassismus
und das Grenzregime auf die Straße gehen.
 
Der Bombenanschlag von Düsseldorf und die anschliessende öffentliche
Debatte, wie der rechten Gewalt begegnet werden könne, bescherte den
rund 1000 Teilnehmern des antirassistischen Grenzcamp ein unerwartetes
Medieninteresse: "Yeeppie, wir sind die Lieblinge der Standort-Nation!
Ein Kamera-Team jagt das andere über unsere schöne grüne Wiese: ZDF,
ORB, NTV und ausländische Sender freuen sich, nette junge Menschen mit
langen zotteligen bunten Haaren vor die Kamera zu bekommen." So
sarkastisch startet das Webjournal, mit dem die Campteilnehmer
allabendlich über ihre Aktivitäten berichteten. Wie eine Kaserne des
Bundesgrenzschutz stundenlang blockiert wurde, zum Beispiel. Um die
Beamten an der Jagd auf Flüchtlinge, die illegal die Grenze überqueren
zu hindern, wurden kurzerhand Gräben ausgehoben und Zufahrtswege mit
Baumstämmen blockiert. Die Polizeiführung übte sich in Gelassenheit und
konnte nur "geringe Sachbeschädigungen" oder eine "Ruhestörung"
ausmachen. Auch als die Scheiben des örtlichen BGS-Büros klirrten - und
zwar aus Verärgerung darüber, dass von zehn Flüchtlingen, die die Grenze
nächstens überquerten, zwei sofort festgenommen wurden. 
Kollateralschäden eines Engagements, das die Solidarität mit
Flüchtlingen und Einwanderern eben ernst nimmt.

Daran, dass das Camp in der ortsansässigen Bevölkerung weitgehend auf
Wohlwollen stieß, konnten aber selbst solche Aktionen nichts ändern.
Bereitwillig spielten die Einwohner von Forst beim 10-tägigen
Straßentheater mit. Sie ließen sich in Flugblättern erklären, dass
Tanken in Polen laut "viertem Schengener Durchführungsabkommen" von nun
an verboten sei, oder stellten sich für einen Test zur Verfügung, der
endlich Gewissheit darüber verschaffen sollte, wer ein reinrassiger
Deutscher sei und wer nicht. Die antirassistischen Aktivisten hielten
den Bürgern Lackmus-Papier vor die Nase, und wer draufspuckte, konnte
angeblich an der Verfärbung erkennen, dass sich unter den Vorfahren
reichlich Nicht-Deutsche befinden. Kommunikationsguerilla, die nach dem
Vorbild der legendären Übergabe der Kleinstadt Zittau an Polen
funktionierte, mit der das Camp 1999 für Furore bereits im Vorfeld
sorgte. 

Dass Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit nicht ausreicht, um gegen den
alltäglichen Rassismus, der sich nicht nur im Osten, sondern in der
Mitte der Gesellschaft breit gemacht hat, anzugehen - davon gehen ja
mittlerweile nicht nur die Camper aus. Was das alljährliche Zeltlager an
der Grenze aber von den allenfalls gutgemeinten Lichterkettenaktionen,
die in Kürze wieder aus dem Boden schießen werden, unterscheidet, sind
die Offensivität, Konsequenz und Entschlossenheit, mit der die
Antirassisten sich zumindest vorübergehend die Handlungsfreiheit in
einen äußerst prekären öffentlichen Raum aneignen.

Der Grenzschleier, wie die 30-Kilometer-Zone hinter den
Schengen-Aussengrenzen neuerdings heisst, ist seit Mitte der 90-er Jahre
Exerzierfeld für Tausende von Grenzschützern, deren ausgewiesene
Strategie darin besteht, die örtliche Bevölkerung zur Denunziation von
Flüchtlingen, die die Landesgrenzen überschreiten, zu animieren. Dass
Teile der Einwohnerschaft diese Aufgabe zu wörtlich nehmen und sich
unauthorisiert an der Jagd auf Ausländer beteiligen, dürfte also nicht
wirklich überraschen. "Einen Bärendienst für Deutschland" nennt der
Brandenburgische Ministerpräsident Stolpe Übergriffe auf Ausländer
folgerichtig und verharmlosend. Das furchterregende Gemisch aus
Akteuren, Mitwissern und Achselzuckern, die das rassistische Klima in
vielen Gegenden der Bundesrepublik ausmachen, ist einfach nicht in der
Lage, die eigenwilligen Ansichten eines bayerischen Innenministers
nachzubuchstabieren. "Auch der Ausländer, der morgen abgeschoben wird,
muss sich heute auf unseren Straßen sicher fühlen", meinte Günther
Beckstein doch kürzlich. 

Das offizielle Sommertheater präsentiert sich im All-Parteien-Konsens
als Besserungsanstalt in Sachen doppelter Moral. Die Aktivisten von
"kein mensch ist illegal" sind spätestens mit dem diesjährigen Grenzcamp
Hoffnungsträger einer Bewegung, die es mit Globalisierung ernst meint.
Nachgedacht wird nicht nur über die Fortschreibung des Slogans ("Jeder
Mensch ist ein Experte"), schnell hat sich auch die Idee des Zeltens für
einen guten Zweck auf der ganzen Welt ausgebreitet. Neben dem Camp in
Forst, an der deutsch-polnischen Grenze gab es dieses Jahr assoziierte
Aktionen an der polnisch-ukrainischen Grenze und am Strand von Sizilien,
wo ebenfalls von Staats wegen gegen selbstbestimmte Formen der
Einwanderung aufegrüstet wird. Und am Wochenende vom 1. bis zum 3.
September heisst es in Tijuana an der US-mexikanischen Grenze: "Nadie es
illegal". Die örtlichen "Border-Kids", organisieren mit viel
Cyber-Subkultur im Rücken ein Festival nach dem Vorbild der deutschen
Grenzcamps. 

Auf das Internet hatten es auch die drei Hundertschaften Polizei
abgesehen, die kurz vor dem Ende das Camp in Forst dann doch noch
stürmten. Im Irrglauben einen illegalen Radiosender beschlagnahmen zu
können, durchwühlten vermummte Beamte eines Sondereinsatzkommandos am
Sonntagmorgen um acht Uhr das Zelt des Webjournals. Diesmal bewahrten
die Camper die Ruhe: Mit Sprechchören wie "Heimlich hört ihr sowieso:
Unser tolles Radio" mussten sich die Polizeikräfte verspotten lassen,
bevor sie ohne Sender und nur mit ein paar elektronischen Bauteilen, die
zum Upload der Webseiten verwendet wurden, unverrichteter Dinge abzogen.
Kurze Zeit später wurde dann die Pressemitteilung von "kein mensch ist
illegal" über die skandalöse Durchsuchungsaktion veröffentlicht: Auf
Kurzwelle und weiter ohne offizielle Sendelizenz.

Webjournal:
http://www.nadir.org/camp/index.de.html

Telecity Forst:
http://www.telecity-forst.de/

Weitere Camps:
http://noborder.eu.org/

Letzjährige Camps:
http://www.contrast.org/borders/camp

Kein mensch ist illegal:
http://www.contrast.org/borders/kein

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