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[rohrpost] VinylVideo
Tilman Baumgaertel on 11 Oct 2000 21:53:33 -0000


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[rohrpost] VinylVideo


Hör das Bild, sieh den Ton

Kein Trick, kein doppelter Boden: "VinylVideo" zeigt Filme auf Schallplatten

Tilman Baumgärtel

Das 20. Jahrhundert ist in der Rückschau auch ein veritabler Club der toten
Medien: die Rohrpost, der Telegraph, die mechanische Schreibmaschine, die
Schellackplatte, der Super-8-Film, Video 2000, BTX, die 5-Zoll-Diskette -
alles Medien, die mal wichtig waren; alle lange tot und vergessen. 

Gleichzeitig wird die Lebensdauer der neuen Medien immer kürzer. Wer wird
in ein paar Jahren noch Datenträger wie VHS-Kassetten, MiniDiscs, CD-Roms,
DVDs oder Hi-8-Kassetten benutzen? Oder sich an flüchtige digitale
Datenformate mit so seltsamen Namen wie Quicktime, Shockwave, RealVideo,
Liquid Audio oder MP-3 erinnern? 

Langspielplatten aus Vinyl dagegen, die halten! Der Wiener Künstler Gebhard
Sengmüller hat für die schwarzen Plastikscheiben, die inzwischen selbst
eine medienhistorische Rarität sind, einen Apparat gebaut, der der Liste
der ausgestorbenen Medien ein weiteres Exemplar hinzufügt - allerdings
eins, das es so nie gegeben hat. 

Sengmüller nennt seine Arbeit "VinylVideo", die jetzt bei dem privaten
Berliner Kunstverein Shift e.V. zu sehen ist, einen "Bildplattenspieler".
Denn mit ihr kann man auf LP gespeicherte Filme abspielen. Ja, richtig
gelesen: Filme, die auf Langspielplatten gepresst sind. Auf eine normale
LP-Seite passen acht Minuten bewegte Bilder, auf einer Single sind vier
Minuten Flackerfilm. 

Die LPs können auf einem normalen Plattenspieler mit Diamantnadel
abgespielt werden. Das Signal wird durch eine "Blackbox" geschickt, die
Sengmüller entwickelt hat, und kann dann mit einem handelsüblichen
Fernseher gezeigt werden. Es sind Bilder, die man hören, oder Töne, die man
sehen kann. 

Verwaschene Bilder 

"VinylVideo" ist ein neues Medium, das so tut, als sei es ein uraltes. Der
Apparat zeigt geisterhafte, verwaschene Bilder in Schwarzweiss, die
aussehen wie eine Liveübertragung aus dem Jenseits. Misstrauische
Betrachter haben schon versucht, den Schrank, auf dem der Plattenspieler
steht, zu öffnen, weil sie darunter einen Videorecorder oder einen
DVD-Player vermuteten, aber nein: "VinylVideo" ist kein Trick und hat
keinen doppelten Boden. Die Bilder sind wirklich auf der Schallplatte. 

Für Sengmüller ist die Installation ein "Missinglink" in der
Medienhistorie: "VinylVideo konstruiert ein audiovisuelles Homemovie-Medium
der späten 40er-, frühen 50er-Jahre und schließt so eine Lücke in der
Technikgeschichte." Entwickelt hat Sengmüller, der auch ein Patent auf die
Technik von "VinylVideo" besitzt, seine fiktive Technologie freilich erst
im vergangenen Jahr. 

Fernsehen gibt es schon seit den zwanziger Jahren, und der britische
Erfinder John Loggie Baird versuchte bereits 1927 ohne Erfolg, bewegte
Bilder in Wachsplatten
zu pressen. Bis 1958 der erste Videorecorder entwickelt wurde, blieb es
jedoch unmöglich, Fernsehbilder aufzuzeichnen. Ein echtes Massenmedium
wurde Video erst in den achtziger Jahren. Davor waren Privatleute, wollten
sie bewegte Bilder aufnehmen, auf 8-Millimeter-Film angewiesen, und der war
"auf dem Stand von 1920", sagt Sengmüller. 

"VinylVideo" ist eine Geschichtsfälschung, so ähnlich wie die
Hitler-Tagebücher: Es erscheint zwar irgendwie plausibel, dass es sie geben
soll, aber andererseits wirkt es doch ein bisschen zu gut, um wahr zu sein.
Sengmüller selbst nennt die Arbeit einen "medienhistorischen Fake". 

Walter Benjamin hat in seinem Essay "Über den Begriff der Geschichte"
geschrieben: "Der Historiker ist ein rückwärts gewandter Prophet." Um die
Formulierung zu übernehmen: Gebhard Sengmüller ist ein rückwärts gewandter
Innovator. 

Mit "VinylVideo" verhöhnt er unseren Fortschrittsglauben durch einen
absurden technologischen Rückschritt. Die Arbeit nutzt Hightech, um damit
Lowtech zu simulieren, und liefert uns ein Wurmloch in ein technisches
Paralleluniversum. Obwohl "VinylVideo" ein neues Medium ist, ist es schon
jetzt so tot wie BTX oder die
Rohrpost. 




The VinylVideo Theme Song // Ich hab nen Plattenspieler, der verstaubt bei
mir im Schrank. Ich hab auch einen Fernseher, aber fernsehen macht mich
krank. Ein
Videoreko-ho-rder, der kommt mir nicht ins Haus. Der ist mir viel zu teuer,
und ich kenn mich damit nicht aus. Refrain: Ich glaub, ich kauf mir
VinylVideo. . .
(dreimal) Ich leg die Nadel auf die Platte, und schon geht es los. Der
Sound ist gut, das Bild brillant; die Freude, die ist groß. Ab jetzt kann
ich mit meinem
Plattenspieler Filme sehn. Ich muss nie wieder Fernsehn schaun, nie mehr
ins Kino gehn. . . Refrain: Zum Glück hab ich jetzt VinylVideo. . .
(dreimal) VinylVideo -
eine Erfindung von Gebhard Sengmüller in Zusammenarbeit mit Günter Erhart,
Martin Diamant und Best Before; mit Platten von Vuk Cosic, Alexei Shulgin,
Harry
Hund, Heimo Zobernig, Jodi, Kristin Lucas, Visomat, Monoscope und anderen. 

Die Ausstellung ist bis zum 27. Oktober bei dem privaten Kunstverein shift
e. V. , Friedrichstr. 122/123 zu sehen. Die Öffnungszeiten sind von
Mittwoch bis Freitag
jeweils von 15 bis 19 Uhr. 

VinylVideo www. vinylvideo. com 


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