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[rohrpost] Nils Röller: Nachruf auf die Verlegerin Heidi Paris
geert lovink on Wed, 9 Oct 2002 12:16:10 +0200 (CEST)


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[rohrpost] Nils Röller: Nachruf auf die Verlegerin Heidi Paris


Nils Röller: Nachruf auf die Verlegerin Heidi Paris (1950-2002)
Erschienen in: Junge Welt Freitag, den 4. Oktober

Ein Frosch, der in einem Wasserglas schwimmt, wird ohne Widerstand zu
leisten, den Hitzetod erleiden, wenn man die Wassertemperatur langsam bis
zum Siedepunkt erhöht. Anders ein Frosch, den man in sehr heisses Wasser
fallen lässt. Er wird versuchen, das für ihn lebensgefährliche Medium zu
verlassen. Dem "Posthistorisches Management" von Dirk Baecker (Berlin 1994)
ist dieses Bild entnommen, das Unternehmensberater benutzen, um die
Effizienz von Betrieben zu erhöhen. Sie wird  erhöht durch die Fähigkeit,
Veränderungen wahrzunehmen, bevor sie gefährlich werden und zum Kollaps des
Systems führen. Diese Fähigkeit kann ein System trainieren, indem es lernt,
Risse und Bruchstellen als Chancen zur Veränderung wahrzunehmen. Der
Merve-Verlag zeichnet sich durch die Bildung dieser Wahrnehmungs- und
Lebenskunst aus. Er begann als Kollektiv und er hat sich mit dem Beginn der
jahrzehntelangen Zusammenarbeit von Heidi Paris und Peter Gente wie kein
anderer Verlag in Deutschland, um den internationalen Diskurs zwischen
Politik, Ästhetik und Philosophie verdient gemacht.  2001 wurde dem Verlag
der Kurt-Wolff-Preis für seine hervorragende Arbeit verliehen.

Freunde nehmen heute von Heidi Paris Abschied. Sie hat nun den Freitod
gewählt. Mit selbstverfassten Texten ist die Verlegerin nicht in Erscheinung
getreten, diskret und eher aus praktischen Gründen, vermutlich, weil keine
anderen Bilder zur Verfügung standen, ist sie auf einigen wenigen Photos
gemeinsam mit den Autoren des Verlags zu sehen. Ein Kennzeichen der
Merve-Bücher, von denen mit D. Holland-Moritz "Lovers Club" 247 bis dato
erschienen sind, ist, dass meistens, aber nicht immer ein Bild der Autoren
auf der Innenseite des Umschlags publiziert wird. In der Veröffentlichung
der Akademie Schloss Solitude, die Gracians "Handorakel und Kunst der
Weltklugheit" (Klugheitslehre; militia contra malicia, Berlin 1995)gewidmet
ist, sieht man Heidi Paris, die zwischen den teilnehmenden Referenten und
Künstlern steht und ein glänzendes gestreiftes Kostüm trägt. Ihr Haar ist
hochgesteckt. In dem Band von Michel Foucault "Diskurs und Wahrheit" (Berlin
1996)  trägt sie auf dem Photo ihr langes blondes Haar offen. Ihr Haar und
die Sponti-Kluft, die sie manchmal trug, haben im Dezember 1977 dazu
geführt, dass Foucault und sein Lebensgefährte Daniel Defert von der
Berliner Polizei verhaftet und mehrere Stunden festgehalten wurden. Das
Personal eines renommierten Berliner Hotels hatte Paris, die gemeinsam mit
Defert, Foucault und Gente im Frühstücksraum diskutierte, für die
steckbrieflich gesuchte Inge Viet gehalten und die Polizei auf die kleine
Gruppe hingewiesen.

Foucault und Deleuze: Den Hinweisen dieser Autoren sind die beiden Merves
nachgegangen und haben dabei ein Verlagskunstwerk geschaffen, das als Orakel
der medialen Gesellschaft lesbar ist, einer Gesellschaft, in der nichts
unvermittelt ist, durch die trotz und wegen der Vermittlungsanstrengungen
Risse und Spaltungen gehen, die es auszuhalten gilt. Beschrieben werden
diese Spaltungen zum Beispiel in Deleuzes Ausführungen zu der Erzählung "Der
Knacks" von F. Scott Fitzgerald (Berlin 1984) oder in "Bartleby oder die
Formel" (Berlin 1994). Es sind Texte, die das Bewusstsein der Leser
schwanken, taumeln und jauchzen lassen, weil sie "in einer Art Fremdsprache
geschrieben sind", in die man sich verliebt und sie ständig wiederholen
möchte. Bartleby ist ein kleiner Held aus einer Erzählung von Herman
Melville, ein ohnmächtiger Gegenentwurf zum berühmten "Diktator" Ahab, den
die Weltliteratur längst im Unterschied zu dem obdachlosen Büroangestellten
Bartleby gut kannte. Bartleby ist erst durch Deleuze und durch Merve in
Deutschland ein Held geworden.

"Sympathie als Heldengabe" (Gracian) für die unbequemen Helden, den Sekretär
Bartleby, den gefoppten Aktaion und die grossen Reisenden, die wie der auf
der Stelle reisende Deleuze mit Melville gedanklich ständig irgendwohin
aufbrechen oder Jean Grenier, der nach Indien reiste und über die Anmut des
Denkens schrieb oder Sympathie für den früheren Handelsgehilfen, Archäologen
und Japanfahrer Heinrich Schliemann, zeichnet die Wahl bestimmter Texte aus,
besonders seit Mitte der neunziger Jahre, dem Zeitraum, in dem Paris ihren
Partner Gente einer Verabredung gemäss öfter lange alleine reisen liess und
vornehmlich die harte Alltagsarbeit im Verlag schulterte. Schliemann
beschreibt 1865 bei seinem Besuch in Japan, eine Ökonomie im Umgang mit
Erdbeben. Sie betrifft den Hausbau: "Zwischen den Längs- und Querbalken
lässt man eine Fuge von einer bestimmten Breite, damit sich die Balken bei
Erdbeben bewegen und ausdehnen können" und auch die Haushaltsführung: "die
japanischen Häuser sind mit keinerlei Möbeln ausgestattet... Hier in Japan
erkennt man aber, dass nahezu alle Bedürfnisse, die wir in Europa für
zwingend halten, künstlich erzeugt worden sind... Welche Ermutigung zum
Heiraten würde es bedeuten, wenn durch Übernahme dieser schönen japanischen
Gewohnheiten die Eltern von dem Zwang befreit wären, für die Einrichtung
ihrer Kinder aufzukommen" (Heinrich Schliemann: Reise durch China und Japan
im Jahre 1865, Berlin 1995). Ständig der Möglichkeit eintretender
Katastrophen, Freitod, Sucht und Sehnsucht schlicht und elegant gegenwärtig
zu sein, so stehen die Bände des Verlags dar. Wie nun mit dem Ereignis
leben, dass ein Samurai hervorragender Theorie das Medium verlassen hat, in
dem wir weiterleben?

"Man erfasst die ewige Wahrheit des Ereignisses nur, wenn sich das Ereignis
auch ins Fleisch einschreibt, aber jedes Mal müssen wir die schmerzhafte
Wirkung wiederverkörpern und dadurch begrenzen, voll ausspielen und
verwandeln... Und für uns heisst das, weiterzugehen, als wir geglaubt haben,
gehen zu müssen", schreibt Deleuze. Die Kunst der kleinen Hilfen, wie man
sich zur Not mit einem Glas Wasser betrinken kann; wie man von  Jabés lernen
kann, die Zwischenräume, die bei U-Bahnfahrten entstehen, dem Schreiben und
der Fahrt in den Orient zu widmen und immer wieder an die besondere
japanische Ökonomie zu denken, das sind einige der Konstruktionen, die
helfen,
das Ereignis auszuhalten. Hinweise darauf sind in den Büchern der beiden
Merves zu finden.

Nils Röller



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