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Re: [rohrpost] Nachtrag zum bootlab
Stefan Heidenreich on Sat, 8 Feb 2003 13:45:08 +0100 (CET)


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Re: [rohrpost] Nachtrag zum bootlab


> Dazu hatte Daniels auf der tm.03 einen (zwar anekdotenhaften aber doch
> schönen) Beitrag aus seinem "Kunst als Sendung": Die Verlegung des
> ersten transatlantischen Kabels, die politisch-wirtschaftlich
> motiviert war (Börsendaten, soweit ich mich richtig erinnere) und von
> einer Seite ausging. Jetzt soll mir mal einer die Existenz des 'rein
> materiellen' Kabels nachweisen: Vielleicht in der Kabelproduktion?
> Nee, auch die dient wirtschaftlichem Interesse. Die Frage ist demnach
> nicht "bis wohin reicht die Materialität" sondern "gibt es eine
> Materialität"...

das kabel als rein "geistige" verbindung? dass es das kabel "materiell"
- kupferkern mit kautschukmantel, wie auch immer - wohl gegegeben hat,
wirst du kaum bezweifeln wollen.

Der Rest ist eine Huhn-Ei-Frage. Kam man auf die Idee, das Kabel zu
verlegen, weil es Kabel gab? oder hat man Kabel erfunden, weil man sie
verlegen wollte? Es führt nicht wirklich weiter, hier historische
Kausalitäten festklopfen zu wollen. (obwohl schon starke Indizien dafür
sprechen, dass  Kolumbus das Transatlantikkabel einfach in seiner
Materialität nicht zur Verfügung hatte, und nicht deshalb, weil er seine
Wünsche, Interessen oder Gebete nicht richtig artikulieren konnte.)
Die Frage ist eher: verstehen wir unsere Lage und auch historische
Situationen besser, wenn wir unsere Wünsche befragen oder wenn wir von
den materiellen medialen Verhältnissen ausgehen und fragen, was sie
denkbar gemacht haben. Wie gesagt: ich meine das nicht deterministisch
(in einer verkehrten Fortschreibung von Mcluhans "The medium is the
message"), sondern als eine Art von Kritik im Kant'schen Sinn: statt
"was können wir wissen, hoffen, tun?" die Frage zu stellen "was können
wir senden, übertragen, speichern?" 
In dem Zusammenhang erscheint mir Daniels Ansatz als ziemlich fragwürdig
- eine technische Überhöhung vom Künstler-Heros als "autonomes
Subjekt".  

Viele Grüsse,
Stefan
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