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Re: [rohrpost] Nachtrag zum bootlab
Stefan Heidenreich on Sun, 9 Feb 2003 12:00:10 +0100 (CET)


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Re: [rohrpost] Nachtrag zum bootlab


vorab etwas zu Pits Argument: 

> das phaenomen apple muss insofern einer kittlerischen 
> aufklaerung entgleiten, denn es gibt hinter der oberflaeche 
> nichts anderes zu entdecken als vor der oberflaeche.
kittler würde das phänomen vermutlich schlicht für irrelevant 
erklären. es gibt tausend vergleichbare fälle: napster, 
suchmaschinen... ich sehe auch das problem, dass die theorie 
technischer medien sich einigelt, dazu nichts zu sagen hat und 
sich damit zwar akademisch leidlich gut sozialisiert, aber ansonsten
irrelevant macht. die ökonomie müsste eingeblendet werden, auch
als ökonomie der datenflüsse, der aufmerksamkeit, der zeichen.

> Richtig, aber wenn man Begriffe wie "Emanation" benutzt und sie
> lediglich auf Hardware umlenkt, operiert man weiterhin im Dispositiv
> eben jenes Geistes.
mag sein. ich lese es als ironische provokation. 

> Allerdings beschreibt er mit der Dekonstruktion ein Denkbewegung,
> die der alten Metaphysik eben nicht in die dialektische Falle
> der Substitution durch eine Gegen-Metaphysik zu laufen versucht.
derrida betreibt ein kluges spiel der überwindung, das es ihm erlaubt,
sich unangreifbar zu machen, endlos zu "dekonstruieren" und damit 
akademisch durchaus erfolgreich text in mehr text zu verwandeln. 
mir scheint, etwas "Gegen-metaphysik" (blinde flecke eingeschlossen)
ist notwendig, um eine position zu ergreifen, etwas in erfahrung zu 
bringen und sich damit auch angreifbar zu machen. 

> Schaltkreisen vorgeschalteten Schaltkreisen. Dies falsifiziert schon
> einmal jede Annahme, daß nur Software von Hardware abstrahiert.
> ... ist hardware "Emanation" einer gegebenen
> Softwareanwendung, wie Du bestimmt nicht bestreiten wirst.
nein, sicher, dem stimme ich zu. dennoch gibt es die einfache
nachrichtentechnische unterscheidung zwischen materiellem kanal,
speicher
und prozessor auf der einen und variablen daten, information auf der 
anderen seite. auch wenn es fälle gibt, in denen ein und derselbe 
prozess mal auf der, mal auf der anderen seite steht. die frage wäre 
eher, was uns diese unterscheidung zeigt.  

> Daß so etwas wie theoretische Informatik (und theoretische Mathematik)
> überhaupt existiert und es Algorithmen schon Jahrtausende vor den
> Maschinen gab, die sie ausführen konnten, ist mit materialistischen
> Medientheorien nicht sonderlich gut erklärbar.
Gloria Meynen untersucht gerade, wie die Mathematik des Dezimalsystems 
und die Übernahme der arabischen Zahlen mit dem Papier als neuer
Schreibfläche zusammenhängt. 
Ich glaube nicht an einen Determinismus technischer Medien. Aber der 
Rückzug auf eine Geistesgeschichte erscheint mir naiv.   

> Doch fände es ich pervers, deshalb Wörter wie
> "Intellekt", "Imagination" und "Subjektivität" diskursideologisch zu
> tabuisieren.
ich auch: aber es ist schon spannend zu sehen, mit welchen Mitteln und
um welchen Preis "Subjekte" hinter den vernetzten Computern erzeugt 
werden. Es gibt ein paar technische und juristische Vorkehrungen, 
die getroffen werden, bevor hinter den Schnittstellen Subjekte
auftauchen
und sich ihrer Subjektivität bewußt werden wollen. PGP wäre in dem
Zusammenhang auch relevant. 

> Nur ist die Beziehung von Werkzeug und Gedanke keine
> Einbahnstraße; auch die Gedanken schreiben nun einmal an den Werkzeugen,
> die Inhalte an den Netzwerken mit.
sehe ich auch so. die frage ist eher: was können wir wissen? und ich 
glaube, wir wissen nicht gut genug, wie netzwerke an den gedanken
mitschreiben. nicht am einzelnen gedanken: eher an der struktur von 
austausch, an den formen der verknüpfung, an dem, was sich überhaupt
denken lässt.  
 
> Statt mit überkommenen Form-/Inhalt-
> oder Technik-/Kultur-Dichotomien zu operieren, würde ich jedoch
> mp3-Musikkonserven, peer-to-peer-Netze und Bastard Pop jeweils für sich
> als Artefakte und digitale Schriftformen betrachten, die einander
> wechselseitig bedingen.
anderer vorschlag: eine effektive komprimierung trifft auf eine erhöhung
der bandbreite. beides zusammen überführt einen ökonomisch kontrolierten
datemstrom (cds, plattenläden) in netzwerke. p2p aus der notwendigkeit,
keine zahlungsadresse zu haben. bastard pop als effekt von fft-analyse
und granularsynthese. stichworte, wäre auszuführen.

ich versuche nun abzukürzen. es sind zu viele punkte. 

> Technik bedeutet schon im Wortsinn der "techne" nichts
> anderes als Konstruktion, also etwas künstlich geschaffenes.
... das aber doch physikalischen bedingungen gehorcht. man könnte die 
technik der technischen medien als konstruktion entlang physikalischer,
chemischer oder auch biologischer bedingungen begreifen. (womit ich 
nicht leugne, dass die erkenntnis dieser "natur" fabriziert ist - s.
bruno latour.)

> Ansichtssache. Ich finde es viel blauäugiger und unkritischer,
> einem Chat-Bot oder z.B. einem Bankautomaten, der mir nicht mehr als
> 400 Euro ausspuckt, eine eigene Agenda zuzuschreiben (anstatt des
> Bankmanagements, das entschieden hat, ihn so zu programmieren).
ja, das wäre tatsächlich naiv. wie kommt es nur, dass wir in solch
einer welt leben?

> Na, ich wurde erst an BASIC-Computern (1983-88), dann am GUI (1988-96)
> und erst spät an der Kommandozeile sozialisiert. 
wir haben offenbar eine ziemlich gleichartige sozialisation durchlaufen. 
aber mein argument war wenig durchdacht. 

> Es geht also gar nicht um GUI oder Anti-GUI,
> sondern - wie schon in anderen Mails gesagt - nur darum, ganz allgemein
> nicht-programmierfreundliche Interfaces mit Deinen eigenen Worten als
> "regressiv" zu kritisieren.
das Wort kam von Wolfgang Hagen. ich selbst habe nur gefragt, warum 
"Regression" in diesem Feld so erfolgreich ist.

Gruss,
S.
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