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Re: [rohrpost] Nachtrag zum bootlab
Harald =?iso-8859-15?q?Hillg=E4rtner?= on Fri, 7 Feb 2003 22:40:02 +0100 (CET)


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Re: [rohrpost] Nachtrag zum bootlab


Am Freitag, 7. Februar 2003 17:20 schrieb Florian Cramer:

> Ob plump, sei dahingestellt; mit dem Neuplatonismus hat er zumindest
> keine Berührungsängste, wenn er (in seinem Aufsatz "Hardware, das
> unbekannte Wesen) von Software als "Emanation" der Hardware spricht:
>
> "Solch monströsen Ansprüchen gegenüber, die ja nicht zufällig einem Land
> entstammen, dessen Computerhardware weiterhin die Weltstandards setzt,
> ist vielleicht der Hinweis erlaubt, daß der Geist namens Software als
> Emanation der Hardware selber entstanden ist."

Vielleicht nicht neuplatonisch, sondern ganz schlicht: 
Software als Hardwareabstraktion. 
Denn das Zitat geht folgendermaßen weiter:
"[...] Es war die schiere Unmöglichkeit, über alle Schaltzustände einer 
Computerhardware Bescheid zu wissen, die schon zur Frühzeit ihrer Technologie 
zur Einführung von Abstraktionen geführt hat." Diese Abstraktion, so der 
weitere Verlauf der Argumentation, ist Software.  

> Dies ist seine vermeintlich materialistische Gegenthese zu einem
> Software-Idealismus, über den er im selben Aufsatz ironisch schreibt:
>
> "Ein neuerliches Reich der Freiheit, auch als Software oder Vernetzung
> bekannt, könnte den Deutschen Idealismus endlich implementieren."

Dies wäre nicht nur eine vermeintlich materialistische Gegenthese, sondern ist 
in der Tat eine materialisitische Gegenthese, insofern sie daran erinnert, 
das "der Geist über die rohe Macht der Dinge" (so das Zitat, gegen das sich 
Kittler wendet) nicht den Sieg davonträgt. 

> Ich persönlich finde, daß Software weder Emanation von Hardware, noch
> idealistische Überwindung von Materie ist, sondern daß hier eine
> Scheinopposition sich dialektisch bestätigender Standpunkte aufgemacht
> wird.  Kittlers Medien-Materialismus, der zuerst und vor allem ein
> Vollzug seines an Foucault geschulten Programms der "Austreibung des
> Geistes aus den Geisteswissenschaften" ist (so der Titel eines von
> ihm im Jahr 1980 herausgegebenen Sammelbands), vollzieht exakt jene
> Bewegung, die Jacques Derrida u.a. in "L'écriture et la différence" an
> Nietzsche und Heidegger als Dilemma antimetaphyischer Denkbewegungen
> analysiert: Die vermeintliche Zerstörung der Metaphysik kreiert nur
> eine neue Metaphysik unter anderem Vorzeichen. Wenn der "Geist" durch
> "Technik" (oder "Hardware") substituiert wird, ist dadurch wenig
> gewonnen - außer den Provokationen, Sichtweisen und Aperçus, die Kittler
> daraus immer wieder gewitzt und unterhaltsam zu ziehen vermag. Ohne
> diesen - wie soll man ihn anders nennen? - ésprit, vulgo Geist aber ist
> dieser Medien-Materialismus, so etwa in der "Kittler-Jugend", nicht
> weniger dogmatisch und öde als ein fichtescher, schellingscher oder
> hegelscher Idealismus aus zweiter oder dritter Hand.

So ist es. Und trotzdem: liegt das nicht vielleicht gar an der zweiten oder 
dritten Hand?

> Daß die Negation von Metaphysik wieder Metaphysik produziert, scheint
> mir z.B. in Kittlers Aufsatz "Phänomenologie versus Medienwissenschaft"
> evident zu sein, in dem es u.a. heißt, daß "technische Medien es fertig
> [bringen], Sachverhalte in die Welt zu setzen, deren Hervorbringung
> lange Zeit (aber nicht immer) als Vorrecht des Menschen gegolten hat".
> Hier verbindet sich Medien-Materialismus (unter anderem) mit Foucaults
> Kritik am Begriff des Subjekts, die ihrerseits existenzphilosophisch
> unterfüttert ist.

Schade, dass ich den erwähnten Aufsatz nicht daheim habe. Aber auch dies 
scheint mir recht trivial gemeint zu sein, wie etwa an anderer Stelle als 
Beispiel die Fraktale genannt werden: "Erst als Mandelbrot als 
Harvard-Gastprofessor die nötige Hardware vorfand, enstand jene neue 
Ästhetik, die kein Mensch hätte entwerfen können." (In: Synergie von Mensch 
und Maschine) Aber wie gesagt, ich weiß nicht was in dem "Phänomenologie 
versus Medienwissenschaft" drinsteht. 

> Für meinen Geschmack hat dieser Subjektpessimismus in Philosophien des
> späten 20. Jahrhunderts ideologische und dogmatische Züge angenommen. Er
> wird zudem fragwürdig, wenn, wie bei Kittler, sich die Vorstellung des
> autonomen Subjekts nicht relativiert, sondern - wie es mir scheint -
> einfach vom Menschen auf die Technik verlagert.

Für meinen Geschmack auch. Aber Hardware als autonomes Subjekt findet sich  
doch eher bei Bolz, der wiederum von Kittler kritisiert wird. 

> Nun ist ein Stück Hardware oder Software mitnichten eine autopoietische
> Schöpfung (so, wie z.B. die Biologen und Systemtheoretiker Maturana
> und Varela lange vor Luhmann Autopoiesis als Prinzip von Zellteilung
> und Handlungsautonomie definiert haben), auch wenn Kittler dies
> mit Hinweisen wie dem suggeriert, daß Chips heute nur noch mit der
> Hilfe von Chips (wohlgemerkt: nur mit ihrer _Hilfe_!) konstruiert
> werden können. Im Gegenteil ist jedes Stück Hardware und Software
> eine kulturelle, menschliche Konstruktion, deren Struktur,
> Programmiersprachen und -interfaces etc. mitnichten aus dem Material
> transzendieren und einer inneren Selbstevidenz entspringen, sondern auf
> Konstrukteure und Programmierer zurückgehen. Wie der Softwarekünstler
> Adrian Ward [der vorgestern auch auf dem Softwarekunst-Panel im Berliner
> Künstlerhaus Bethanien mitdiskutierte] am 7.5.2001 auf der Mailingliste
> "rhizome" schrieb:
>
> "I would rather suggest we should be thinking about embedding our own
> creative subjectivity into automated systems, rather than naively trying
> to get a robot to have its 'own' creative agenda. A lot of us do this
> day in, day out. We call it programming." ~

Wohlgemerkt: "suggeriert", zunächst ist die Formulierung, dass es der 
jeweiligen aktuellen Hard- und Softwaregeneration bedarf, um neue 
(komplexere) Hard- und Software zu entwerfen, ein technisches Argument, wenn 
auch nicht unbedingt ein triviales. Gesagt es damit nicht, dass es keine 
Ingenieurinnen mehr braucht, gesagt ist aber, dass Computer verwendet werden 
müssen, um neue Computer zu entwerfen. 
Zum anderen ließe sich argumentieren, dass es sehr wohl eine Art 
"Selbstevidenz" ist, wenn Software notwendig auf formalen Sprachen und 
Hardware auf Schaltgattern basiert.  

> [Auch Betriebssysteme kritisiert Kittler in ihrer Eigenschaft
> als Abstraktionen von der Hardware: "Ein Betriebssystem kennt
> auf jeden Fall keinen Prozessor mehr, sondern ist neutral gegen
> ihn, und das war es vorher noch nie.  Und auf diese Weise kann
> man eben jeden beliebigen Prozessor auf jedem beliebigen anderen
> emulieren, wie das schöne Wort lautet. Aber ich glaube nicht, daß
> das die Zeitoptimierungswünsche der Produzenten erfüllt. Als Konzept
> ist das da, daß man nichts mehr zerstört. Wenn es einigermaßen
> leistungsfähig ist, das man das einfach mit einer Softwareschicht
> überzieht, und deshalb unsichtbar macht, aber das scheint die reale
> Zerstörung nicht ganz ersetzen zu können, dieses Emulationskonzept."
> - im Interview mit Pit Schultz und Stefan Heidenreich (1993),
> http://textz.gnutenberg.net/textz/kittler_friedrich_interview.txt]

Und doch ist auch Kittler klar, dass Betriebssysteme (oder Software) notwendig 
sind, um "die universalen, selber aber unlesbaren Schreib-Lese-Maschinen 
irgendwie zu beschreiben und zu lesen." (In: Es gibt keine Software) Die 
Kritik wäre lediglich, dass Betriebssysteme, zumal die grafisch sich 
kaschierenden, die Hardware unerreichbar machen.  

> In der Tat kann man Kittler als Kritiker einer Entmündigung der Nutzer
> lesen, auch seine Stellungnahmen freie Software (etwa während der ersten
> Wizards of OS 1999) gehen in diese Richtung. Diese Implikation aber
> bringt ihn in eine seltsame Allianz mit humanistischen Computerkritikern
> wie Joseph Weizenbaum und erscheint mir inkonsistent zu seiner
> diskurstheoretisch begründeten Anti-Subjektphilosophie und seinem
> Spott über jene, "die an soziokulturelle Auswirkungen der Neuen Medien
> glauben" (in "Hardware, das unbekannte Wesen).

Der Spott trifft meines Erachtens Leute wie Norbert Bolz. Dieser betreibt, 
nimmt man Bolz wörtlich (wobei ich mich manchmal frage, ob man ihn nicht 
"metaphorisch" lesen sollte [und bitte nun keine Bolz-Debatte, ich bin 
jederzeit bereit, alles wieder zurück zu nehmen]) Anti-Subjekt Philosophie. 
In zitiertem Abschnitt geht es außerdem gerade darum, zu bestreiten, dass der 
Mensch "programmierbar" ist, also das genaue Gegenteil einer Anti-Subjekt 
Philosophie. Ob dies nun inkonsistent zu anderen Schriften ist, wage ich mich 
nicht zu beantworten. Vielleicht ist es ja negativ dialektisch ;-)     

> Auch die gemeinsam mit Axel Roch unter dem Titel "Beam me up, Bill"
> verfaßte Analyse von Windows 95 haut in diese Kerbe:
>
> "Im Glücksfall merkt also gar niemand, was Microsofts Spezialisten
> unter Leitung von David Cutler wozu und warum geschrieben haben. Die
> bestbezahlten Programmierer der Welt arbeiten daran, daß andere Leute
> Programme nicht schreiben, sondern nurmehr kaufen."

Nun gut, Microsoft kann Kittler nicht leiden. Aber da geht es um mehr, als um 
eine Kritik an Betriebssystemen. 

> Exakt diesen Punkt diskutieren wir ja in dieser Diskussion.
> [Allerdings, wie mir scheint, mit dem Konsens, daß die Lösung nicht
> Assemblerprogrammierung heißt, sondern schlicht Programmierbarkeit
> - egal auf welcher Abstraktionsebene.]

Veto: mir ging es auch um "Bedienbarkeit".

...
>
> Ja, aber mit einem gravierenden Unterschied: Die heute üblichen
> Frontends wie cdrecord, htmldoc, dvd:rip etc. emulieren bestenfalls
> eine sequenzielle Abfolge von Befehlen, aber keine algorithmischen
> Kontrollstrukturen wie Variablen, Schleifen und Bedingungen. Dies
> leisten, auf GUI-Ebene, erst Oberflächen mit komplexerer graphischer
> Syntax, wie sie z.B. die Musikkompositionsprogramme MAX und PD
> bereitstellen. In diesen Systemen kann man sich tatsächlich Algorithmen
> bzw. Software zusammenklicken, als Prototypen nicht-regressiver GUIs
> scheinen sie mir deshalb brauchbar. (Obwohl es mir kein Zufall zu sein
> scheint, daß man komplexe Zusammenhänge und logische Aussagen in
> Schriftsprache mit ihrer Kombinatorik von 128 ASCII-Zeichen noch am
> elegantesten und simpelsten ausdrücken kann.)

Nein, kein Zufall. Aber entweder habe ich dich falsch verstanden, oder du 
mich. Erwidern wollte ich dem Argument, dass alles mit Skripten besser und 
einfacher zu erledigen sei als mit GUIs. Und, sicherlich verkürzend, sind 
Skripte, die Arbeitsabläufe automatisieren sollen, eine sequenzielle Abfolge 
von Befehlen, ebenso wie Frontends. 

> Wenn ich einen durchschnittlichen Computernutzer über die Schulter sehe
> und beobachte, wieviele repetitive Arbeitsschritte er oder sie täglich
> ausführt, die man in anständigen Nutzerumgebungen trivial zu einer
> einzigen Operation zusammenfassen könnte, habe ich da so meine Zweifel.

Nun gut, es gibt sicherlich eine Form von Virtuosität im Umgang mit der Shell 
und ihrer Funktionalitäten wie es auch eine Virtuosität im Umgang mit 
grafischen Benutzeroberflächen gibt. Manchmal wundere ich mich, wie 
umständlich mit Computern gearbeitet wird, manchmal bin ich wirklich 
erstaunt, wie effektiv andere allein mit der Maus arbeiten. Aber ich will 
keinesfalls das eine gegen das andere ausspielen. 

> Richtig. Aber außer in schönen, aber esoterischen Betriebssystemen wie
> Plan 9 und LISP-Maschinen ist es nicht möglich, GUI-Anwendungen über die
> Shell zu steuern bzw. in Skripte zu integrieren. Auch unter Unix-artigen
> Betriebssystemen bleiben GUI-Anwendungen in sich gekapselte Black Boxes,
> an die man nur [um diesen schönen deutschen Computer-Jargonausdruck zu
> benutzen] händisch herankommt.
 
Richtig. Aber mir ging es ja nicht um das Arbeiten mit der Shell in der GUI, 
sondern um das parallele Arbeiten mit der Shell oder in einer GUI, je nachdem 
was in welchem Fall effektiver ist. 

Harald.

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